Rumpelstilzchen

3. Dezember

Erzähler: Ja, dann will ich mal weitererzählen: Es geschah, dass der Müller mit dem König zu tun hatte…

Die schöne Müllerin: Halt, halt nicht so schnell. Die Kindheit von Lenchen – sind all die Jahre denn gar nicht wichtig?

Erzähler, entschieden: Es steht aber nix da!

Sigmund: Die Kindheit prägt einen Menschen.

Alice: Ha, und die Mütter sind folglich an allem Schuld! Dachte ich’s mir doch!

Sigmund: Das sagen Sie, nicht ich. Und das sagt sehr viel über Sie aus, junge Frau.

Alice: So oder so. Ich will nun endlich erfahren, was uns stets verschwiegen wurde!

Die schöne Müllerin: Lenchen war ein pflegeleichtes Kind. Immer zufrieden.

Müller: Ich baute eine Hängewiege für die Kleine, welche die Frau überall festbinden konnte. Am Gebälk des Hauses, am grossen Apfelbaum im Hof hinter dem Haus, am Holderbusch vor der Mühle. Das Kind war zufrieden, wenn es den Vögeln und Schmetterlingen zuschauen konnte. Und wurde es unruhig, konnte die Frau die Wippe leicht anstossen und die Kleine schlief ein. Ich selber stand wohl stundenlang daneben und betrachtete das wunderbare, kleine Wesen.

Bauer: Manchmal musste man den Müller schier auf Knien bitten, die Mühle in Gang zu setzen.

Bäuerin: Mir tat die schöne Müllerin leid. All die viele Arbeit blieb an ihr hängen.

Die schöne Müllerin: Ach wo! Ich war jung und stark und strenge Arbeit gewohnt. Und wie gesagt. Lenchen war pflegeleicht. Nicht auszudenken, wenn sie ein Schreikind gewesen wäre.

Alice, leises zu Sigmund: So Herr Sigmund. Was sagt und uns nun diese Kindheit?

Sigmund: Bis jetzt unauffällig … wenn auch … der Vater zeigt vielleicht wenig innere Verbundenheit zum Kind.

Alice: Wie kommen Sie denn da drauf?

Sigmund: Ich achte auf die Details.

Die schöne Müllerin: Lenchen wuchs zu einem wunderschönen Mädchen heran. Goldblondes, lockiges Haar, zarthelle Haut, rosa Bäckchen, immer vergnügt, immer ein Lächeln oder Jauchzen auf den Lippen. Das Kind war neugierig und wollte schon früh überall mithelfen. Ich freute mich darüber. So eignete sich Lenchen alles spielend an, wie das halt alle Kinder überall tun.

Alice: Aber der Vater hat dich nicht gelassen. Stimmt’s?

Sigmund, leise zu Alice: Wie kommen Sie denn da drauf?

Alice zu Sigmund: Ja nu, ich achte eben auch auf die Details!

Die schöne Müllerin: Ja klar. Mein Mann hatte Angst um unser Lenchen. Ihm steckte der Tod der beiden anderen Kinder immer noch in den Knochen…

Alice: Bitte konkretisiere doch das Gesagte. Wie genau verhielt sich dein Mann? Oder kurz gesagt: Mehr Details, liebe Frau!

Die schöne Müllerin: Mein Mann wollte Lenchen einfach bewahren. Davor, dass sie nicht in den Mühlebach fiel, zum Beispiel. Oder sich nicht am heissen Ofen verbrannte. Nicht auf den grossen Apfelbaum kletterte und hinunter fiel. Das sind durchaus alles verständliche Dinge. Zugegeben, er übertrieb. Masslos. Zuletzt durfte sie sich kaum noch die Hände schmutzig machen. Trotzdem hat Lenchen alles gelernt: Teig zubereiten, das Brot in den Ofen schieben. Die Hühner füttern und die Eier holen. Die Äpfel vom Baum pflücken. Kraut und Rüben anpflanzen. Erst als sie zu einer jungen Frau erblühte, wurde sie anders. Zimperlich. Schnippisch. Ein Dämchen eben. Ich verstand das nicht, nein, wollte es gar nicht erst verstehen und forderte von ihr, sich weiterhin im Haushalt nützlich zu machen. Zu spinnen und zu weben. Aber der Herr Papa nahm sie stets in Schutz. Das war wirklich schwer.

Alice schaut Sigmund fragend an: Nun, Herr Sigmund?

Sigmund: Ödipus!

Ödipus: Ihr ruft mich, Herr?

Alice zu Sigmund: Wer ist der Mann … und was ist mit seinen Augen geschehen!

Sigmund zu Alice: Er ist ein griechischer König und hat sich selber geblendet.

Alice zu Sigmund: Wie schrecklich. Doch warum hast du ihn gerufen?

Sigmund zu Alice: Er soll uns den Durchblick verschaffen!

Alice zu Sigmund: Ein Blinder?

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